Shiller-KGV erklärt: Bewertungsniveaus richtig interpretieren
Das klassische KGV vergleicht den Kurs mit dem Gewinn eines einzigen Jahres — und ist damit anfällig für Gewinnzyklen: In Boomjahren wirkt der Markt billig, in Rezessionen absurd teuer. Robert Shiller löst das Problem, indem er den Kurs ins Verhältnis zum inflationsbereinigten Durchschnittsgewinn der letzten zehn Jahre setzt. Dieses CAPE (Cyclically Adjusted P/E) ist die wohl meistzitierte Bewertungskennzahl für ganze Aktienmärkte.
Die entscheidende Frage für dich: Was sagt ein hohes Shiller-KGV wirklich aus — und was nicht?
CAPE: Methodik und historische Prognosekraft
Durch die Glättung über zehn Jahre filtert das CAPE zyklische Gewinnausschläge heraus. Für den US-Markt liegt der langfristige historische Durchschnitt bei rund 16 bis 17; Extremwerte markierten 1929 (rund 30) und die Dotcom-Blase 2000 (rund 44). Seit den 1990ern liegt der Durchschnitt allerdings deutlich höher — was die Interpretation erschwert.
Die empirische Kernaussage: Je höher das CAPE beim Einstieg, desto niedriger fielen die realen Aktienrenditen der folgenden 10 bis 15 Jahre im Schnitt aus. Die Beziehung ist statistisch belastbar, aber eine Tendenz mit großer Streuung — kein Punktprognose-Werkzeug. Ein CAPE von 35 sagt nicht „Crash“, sondern: Die Erwartungsrendite ab hier ist niedriger als die historischen 7–8 % p. a. nominal.
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Der Buffett-Indikator als Ergänzung
Der Buffett-Indikator setzt die gesamte Marktkapitalisierung eines Landes ins Verhältnis zum BIP. Werte deutlich über 100 % galten historisch als teuer; für die USA liegt er seit Jahren weit darüber. Beide Kennzahlen messen ähnliches, haben aber unterschiedliche Schwächen:
| Kennzahl | Misst | Wichtigste Schwäche |
|---|---|---|
| Shiller-KGV (CAPE) | Kurs vs. 10-Jahres-Realgewinne | Sektormix und Bilanzierungsregeln verschieben das „normale“ Niveau über Jahrzehnte |
| Buffett-Indikator | Marktkapitalisierung vs. BIP | Ignoriert Auslandsgewinne — US-Konzerne erwirtschaften große Teile außerhalb der USA |
Grenzen: Bewertung ist kein Timing-Signal
Märkte können jahrelang „zu teuer“ bleiben: Wer beim Überschreiten historischer CAPE-Durchschnitte ausgestiegen wäre, hätte einen großen Teil der Hausse seit 2013 verpasst. Auch das Zinsniveau spielt hinein — bei niedrigen Zinsen rechtfertigen Discounted-Cashflow-Modelle höhere Bewertungen, beim Vergleich über Jahrzehnte hinkt die Basis also.
Sinnvoll genutzt ist das Shiller-KGV ein Erwartungsmanagement-Werkzeug: Bei hohen Bewertungen konservativer planen (Sparrate, Entnahmerate, Renditeannahmen) statt den Ausstieg zu timen. Wer Bewertung in die Asset Allocation einfließen lässt, justiert Quoten graduell — und trennt das sauber von Stimmungsindikatoren wie dem Fear & Greed Index, die kurzfristiges Sentiment messen, nicht langfristige Bewertung.
Häufige Fragen
Was ist ein „normales“ Shiller-KGV?
Historisch lag der US-Durchschnitt bei rund 16 bis 17, seit den 1990ern strukturell höher. Werte über 30 waren historisch selten und gingen im Schnitt mit unterdurchschnittlichen Folgerenditen einher.
Sollte ich bei hohem CAPE verkaufen?
Nein. Das CAPE hat keine Timing-Qualität — Märkte bleiben oft Jahre über ihren historischen Durchschnitten. Es taugt zur Kalibrierung von Renditeerwartungen, nicht als Ein- und Ausstiegssignal.
Warum widersprechen sich CAPE und Buffett-Indikator manchmal?
Sie messen unterschiedliche Bezugsgrößen: realer Durchschnittsgewinn vs. BIP. Auslandsgewinne, Sektormix und Zinsniveau wirken auf beide unterschiedlich stark — deshalb gehören beide nur als grobe Orientierung ins Bild.
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