Das 60/40-Portfolio im Realitäts-Check
60 % Aktien, 40 % Anleihen — jahrzehntelang galt diese Mischung als der Goldstandard der Asset Allocation: Aktien liefern Rendite, Anleihen dämpfen Drawdowns, und die negative Korrelation zwischen beiden glättet das Gesamtergebnis. 2022 hat dieses Versprechen gebrochen: Aktien und Anleihen fielen gleichzeitig zweistellig, das 60/40-Portfolio erlebte eines seiner schlechtesten Jahre überhaupt.
Heißt das, der Klassiker ist tot? Nicht unbedingt — aber die Annahmen dahinter verdienen einen nüchternen Blick.
2022: Als die Diversifikation versagte
Die Schutzfunktion von Anleihen beruht auf einer Bedingung: Krisen, in denen Notenbanken die Zinsen senken können. Bei der Dotcom-Blase und 2008 funktionierte das — Anleihen stiegen, während Aktien fielen. 2022 war das Gegenteil: Ein Inflationsschock zwang die Notenbanken zu schnellen Zinserhöhungen, und langlaufende Euro-Staatsanleihen verloren prozentual ähnlich viel wie Aktien.
Die Lehre daraus ist nicht „Anleihen sind nutzlos“, sondern präziser: Bei Inflationsschocks korrelieren Aktien und Anleihen positiv. Gegen Wachstumsschocks (Rezession) bleibt die Anleihenkomponente weiterhin ein sinnvoller Puffer. Wer 60/40 fährt, sollte wissen, gegen welches Risiko die 40 % schützen — und gegen welches nicht.
Klumpenrisiken, ETF-Überschneidungen und Look-Through-Analyse – kostenlos mit MoneyPeak.
Zinsumfeld heute und die Alternativen
Es gibt einen wichtigen Unterschied zu 2021: Damals starteten Anleihen bei Renditen nahe null — es gab kaum laufenden Ertrag, aber volles Zinsänderungsrisiko. Heute liefern Investment-Grade-Anleihen wieder einen positiven Erwartungswert, was die Ausgangslage für 60/40 strukturell verbessert. Wer den Anleihenteil flexibler halten will, kann einen Teil in einen Geldmarkt-ETF legen: kaum Kursrisiko, aktueller Geldmarktzins, jederzeit als Rebalancing-Reserve verfügbar.
Die gängigsten Alternativen im Überblick:
| Variante | Aktien | Defensiver Teil | Charakter |
|---|---|---|---|
| Klassisch 60/40 | 60 % | 40 % Anleihen (mittel/lang) | Ausgewogen, anfällig bei Inflationsschocks |
| All Weather | rund 30 % | Anleihen lang + kurz, Gold, Rohstoffe | Robust über Regimes, geringere Erwartungsrendite |
| 80/20 mit Geldmarkt | 80 % | 20 % Geldmarkt/kurze Laufzeiten | Höhere Rendite, höhere Drawdowns, kein Zinsänderungsrisiko |
Umsetzung mit ETFs — und der Steuerblick
Zwei Produkte reichen: ein globaler Aktien-ETF (MSCI World oder ACWI) und ein Euro-Aggregate-Anleihen-ETF beziehungsweise eine EUR-gehedgte globale Variante, damit der „sichere“ Teil kein Währungsrisiko trägt. Entscheidend ist die Pflege der Quote: Ohne Rebalancing driftet ein 60/40-Depot in starken Aktienjahren schnell Richtung 70/30 und trägt mehr Risiko als geplant.
Steuerlich lohnt die getrennte Umsetzung: Der Aktien-ETF erhält die Teilfreistellung von 30 %, der Anleihen-ETF geht leer aus, ein Mischfonds bekäme nur 15 %. Zwei separate ETFs sind dadurch in der Regel steuerlich effizienter als ein fertiges Multi-Asset-Produkt — und du behältst die Kontrolle über die Gewichtung.
Häufige Fragen
Ist das 60/40-Portfolio tot?
Nein. 2022 war ein Inflationsschock, in dem Aktien und Anleihen gleichzeitig fielen — das bleibt das zentrale Schwachszenario. Mit heute wieder positiven Anleiherenditen ist die Ausgangslage aber deutlich besser als 2021.
Welche Anleihen passen in den 40-%-Teil?
Euro-Staatsanleihen oder ein Euro-Aggregate-ETF mit mittlerer Duration; globale Anleihen nur EUR-gehedgt. Wer Zinsänderungsrisiko meiden will, mischt Geldmarkt-ETFs oder kurze Laufzeiten bei.
Wie oft sollte ich rebalancen?
Einmal jährlich oder bei Abweichung von mehr als 5 Prozentpunkten von der Zielquote. Häufiger bringt kaum Nutzen und verursacht unnötige Steuern und Kosten.
Klumpenrisiken, ETF-Überschneidungen und Look-Through-Analyse – kostenlos mit MoneyPeak.
